Kapelle Petra

Archive >>

Eine optische Kreuzung aus Fips Asmussen und Sepultura – akustisch so, als hätten Funny van Dannen und Helge Schneider Tocotronic beigebracht, wie an gute Musik macht. Sie beglücken sowohl Gemeindekarnevalsfeste als auch Punkfestivals, mit derselben Musik! Sehr lustig. Bei welcher Band sieht an schon Hosenschlitzsolos, Purzelbäume und eine lebendige Gazelle auf der Bühne? Und wer setzt schon einen Staubsauger als Instrument ein? Gespannt ein und Prost!

Wenn die Kapelle Petra zu einem Auftritt anreist, hat sie nicht nur ihre Instrumente im Gepäck. Fast genau so viel Platz nehmen größtenteils selbst gebastelte Requisiten ein. Hüte, Perücken, ein Staubsauber, diverse Schilder und das lebendige Bühnenmaskotchen „die Gazelle“ dürfen bei einem der Kapelle Petra Auftritt nicht fehlen.

Auf der Bühne wird schnell klar, wozu die vielen Utensilien dienen: Die Kapelle Petra ist eine Partyband – bei fast jedem Song hat die Band eine ungewöhnliche Bühnenaktion parat, die entweder zum Lachen oder zum Mitfeiern animiert. Wenn Bassist Richatt mit seinem Hosenschlitz ein Solo spielt oder einen Ausdruckstanz vorführt, bleibt höchstens die Gazelle - die „Bühnenskulptur“ der Kapelle Petra - regungslos. Hierbei handelt es sich um einen kräftigen Mann, der während der Auftritte mit einem Campingstuhl auf der Bühne sitzt und die Mädchenzeitschrift „Petra“ liest. Er erhebt sich nur, wenn er von der Kapelle Petra zu Sondereinsätzen gebeten wird…

Klar ist, dass die Kapelle Petra in kein gängiges Muster der Musikindustrie passt: Mit ihren Outfits beweisen sie zielsicher schlechten Geschmack: Hornbrillen, Perrücken, verstaubte Anzüge und karierte Krawatten sprechen für sich. Für ihre Alben lassen sie sich gerne Zeit: 1997 erschien „Felsen“; 2002 folgte Schrank“; 2008 folgte das lang ersehnte dritte Album "Stadtranderholung".

Kapelle Petra Rezensionen

CD-Starts 8 von 10 Punkten!
Kapelle Petra bringen auf „Stadtranderholung“ Alternative Rock, Punk, Pop, Singer/Songwriter-Anleihen, Comedy und zahllose andere Einflüsse unter einen Hut. Genau wie bei ihren unbedingt empfehlenswerten Live-Auftritten geschieht oft das Unerwartete, wobei die Hitdichte wirklich beachtlich ist. Opa, Ficken Schmidt und der tägliche Siepe wissen neben all der Absurdität einfach, wie man nahezu perfekte Popsongs schreibt.

Die Outfits der drei Musiker inklusive menschlicher Bühnenskulptur „Gazelle“ erinnern neben dem Artwork sicherlich an Fips Asmussen oder auch Helge Schneider, und musikalisch spielen sich ebenfalls zumindest Segmente eben jener Dimension ab („Gewitter“). Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, besteht die Kapelle Petra doch eher aus traurigen Clowns, die textlich oft eine Melancholie frönen, die bei dieser optischen Präsentation so gar nicht erwartet wird. Gebrochen wird sie oft genug, das ist klar, doch ist hier wahrlich nicht alles so lustig gemeint, wie es zuerst den Anschein hat. So verbindet beispielsweise „Esoterikmädchen“ treffend komische Beobachtungen mit heimlicher Verbittertheit über die Eingefahrenheit in Klischees („Es riecht nach Öl, du trägst an jeder Stelle Tücher, malst Kornkreise in Bücher / Bis morgens früh übst du auf deiner Sitar und ärgerst andere Mieter“).
Überhaupt haben die Texte eine unbedingte Qualität, die in ihrer Treffsicherheit wahrlich ihresgleichen suchen. Man beachte nur die vorzügliche Demontierung des Hochglanzes in „Frauenmagazin“: „Sie haben Stil – emanzipiert / Essen Rohkostteller auf Hochglanzpapier / Wissen wie man sanft den Tag angeht / Und wie man den Mann in diesem Land versteht / (...) / Wahrscheinlich braucht er Liebe / Vielleicht will er nur Bier“. Die Coverversionen von Funny van Dannens „Alles Verkauft“ und selbst Alexandras „Mein Freund Der Baum“ ergänzen dabei das Album in zwei grandiosen Schlusspunkten und fügen sich mehr als nahtlos ein.

Selten genug ist diese Kombination aus Entertainment und Klasse im Songwriting, für die u.a. Die Ärzte so berühmt geworden sind, ohne unbedingt die musikalische Ausrichtung zum Vergleich zu nehmen. Die Kapelle Petra stellt ein ziemliches Unikum dar, sie unterhält und stimmt zugleich nachdenklich. Und während Gazelle noch für Olympia trainiert, geben wir uns der Erholung am Stadtrand hin und lauschen dem dazugehörigen Soundtrack. Eine schöne Sache.

Intro:

Kapelle Petra - Stadtranderholung
Mit einem Bandstyling zwischen Schlagermove und Bad-Taste-Party, einem CDLayout aus der Kindergartenhölle und Pseudonymen wie "Opa" oder noch besser (oder schlimmer) "Ficken Schmidt" stellen sich die drei Herren der Kapelle Petra gleich mit solch einer Vehemenz ins popkulturelle Abseits, dass es eine Freude ist. Schon seit über zehn Jahren werkeln sie in der unauffälligen Stadt Hamm am Rande des Ruhrgebiets an einem kleinteiligen Blödsinnskosmos, in dem auf coole Esthetik und urbane Codes gepfiffen wird, im Ergebnis aber trotzdem ein im besten Sinne massentauglicher und höchst abwechslungsreicher Popentwurf dasteht. Mit einer lässigen Einheit von Humor, Herz und Hirn. Souverän arrangierte Albernheit und viel Gespür für funktionierende Refrains reichen sich nun auf dem dritten Album "Stadtranderholung" freundschaftlich die Hände und drücken bei Liedern wie "Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Oberhausen" oder "Uganda" immer fester zu.

Bandboss Opa ist dazu ein hervorragender Sänger mit melancholisch-erotischer Stimme und intelligenten, abseitigen Storytelling-Texten ohne jegliche Peinlichkeit oder Klamauk. Es sind fast dunkle Geschichten voller Sehnsucht, wo man sie am wenigsten erwartet hätte. Denn hinter der mit viel Liebe zum Detail überdrehten Inszenierung steht mal eine melancholische Punkband, dann wieder fast trauriger Schunkelpop mit absoluten Hitmelodien. So sitzen Kapelle Petra am Katzentisch zwischen allen Stühlen und sehen dabei durch die Gläser ihrer fingerdicken Gagbrillen eigentlich ziemlich gut aus.

Saarbrücker Zeitung: Kapelle Petra: „Stadtranderholung“ (Skycab / Rough Trade)

Das Cover? - Albern. Der Bandname? - Na ja. Zunächst ist der Album-Titel das einzig ansprechende an diesem Produkt – einem von so vielen, die dem Rezensenten jede Woche in den Briefschlitz fliegen. Umso überraschender, ja, auf Anhieb völlig begeisternd ist die Musik, die sich dahinter verbirgt ! Ganz großer Pop ist das - und zwar aus dem westfälischen Provinzstädtchen Hamm. So etwas Wunderbares hat’s hierzulande jedenfalls schon lange nicht mehr gegeben - sprich: ungefähr seit dem letzten Tomte-Werk.

Unglaublich stilvoll, so amüsant wie schlau, angenehm sensibel und zugleich erfrischend selbstbewusst agiert dieses Trio, das angeblich Punkfestivals genauso souverän zu beglücken weiß wie Gemeindekarnevalsfeste. Was freilich einem Wunder gleichkäme, denn hohlen Klamauk wird man bei Kapelle Petra genauso wenig ausfindig machen wie Muskel- oder Tempoprahlerei. Hören Sie nur das mit lässigem Swing startende, dann immer mehr an Kontur gewinnende und schließlich in einen hymnischen Spieluhren-Refrain mündende Eröffnungsstück „Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Gelsenkirchen“. Welch schöner Songtitel, welch augenzwinkernd großartiger Text, welch feines Pop-Aroma. Wunderbar melodisch kommt „Uganda“ daher – und wieder klebt man an den Lippen des Sängers, taucht ein in seine wunderbaren Alltagsbetrachtungen, die jene schwierige Balance zwischen Autobiografischem, allgemeingültiger Lebensphilosophie und jeder Menge Sehnsucht – nach Leben und Liebe – ganz souverän austariert. „Alles anders“ handelt – leichthändig vorwärtsrockend – vom Dilemma des guten Vorsatzes. „Ich werd jetzt fleissig und gerechter / und bald dreißig – anderen geht’s schlechter / ich werd mehr machen – nicht mehr streiten / um kleine sachen – kleinigkeiten / ja, ich kann das / ab jetzt wird alles anders.“ Wem spricht so etwas nicht aus der Seele ?

Auch das anschließende, zum Schreien komische „Gewitter“ muss man gehört haben. Jede Menge Herzblut steckt im Lied vom „Esoterikmädchen“, welches mit dem klugen Fazit endet: „Ich muss auch nicht immer alles verstehen…“. Sieben weitere Perlen deutschsprachiger Pop-Kultur mit Punk-Flair folgen bevor am Ende Alexandra’s „Mein Freund der Baum“ seine definitive Interpretation erfährt. Und plötzlich wischt man sich zwei Tränen von der Backe – wann ist einem das zum letzten Mal passiert bei einer deutschen Band?

 

 


www.kapellepetra.de

Zurück
[nach oben]